Geschichte in Potsdam

Greif’ nach den Sternen, Potsdam!

Raute oder Stern der alten FH-Fassade an einem Haus in der Gutenbergstraße

Eigentlich wollte ich euch etwas über die “Sterne”, die wabenartige Fassadendekoration des alten FH-Gebäudes, erzählen. Wie einzelne Teile davon an und in Häuser gelangten. Am Ende stellte ich jedoch fest, dass mein Text dazu ziemlich persönlich geworden ist. Ich kann euch nur empfehlen, auch selbst auf den Weg zu machen und die Sterne zu finden.

Danke an alle, die mir Tipps und Zeit und wertvolle Gedanken gaben!

Heimatlos

Ich war nie ein Stadtkind. Aufgewachsen am Rand der Stadt, zwischen einer handvoll Häuser, habe ich mich nicht als Teil der Strukturen, Straßen, Mietshäuser und Plätze gesehen. Meine Welt waren Äcker und Felder, Eisenbahnschienen und Pfützen. Stadt, das war das Einkaufzentrum. Die Schule. Die Außenwelt.

Foto aus der Heimat, Doppelbelichtung aus 2009
Heimat am Abstellgleis. Das Foto habe ich extra aus meinem Archiv gekramt. Es ist schon zehn Jahre alt, aber viel verändert hat sich hier nicht.

Irgendwann trennten sich meine Eltern und ich wurde mitgenommen, eingepflanzt ins Plattenbaugebiet der späten Neunzigerjahre. Ich wollte immer nur weg aus der Platte. Die Blöcke, die Straßen aus Betonplatten. Ich zählte die Graffitis und fand sie alle hässlich. Fassaden und Grundrisse, die alle gleich waren: meiner Meinung nach war das nur eine Phase, die es zu überstehen galt. Architektonisch und auch persönlich. Ich war neun und hatte meine Überzeugungen.

Überall gleich

Noch lange Zeit später hatte ich keinerlei Wertschätzung für diese gleichförmigen Orte. Verdammt, sogar meine Grundschule und die weiterführende Schule glichen sich wie Zwillinge. Aber was, wenn das Gleichförmige damals auch Sicherheit gab? Die Anordnung der Klassenräume, das System der Treppen, die Turnhalle – selbst wenn du die Neue warst, hier war’s dir vertraut. Wenigstens eine Sache, die nicht neu war. Wenigstens etwas.

Plattenbau, ostmoderne Gebäude und all die Dinge dabei, die ich nicht bewusst wahrnehmen konnte, weil ich sie schon immer als Teil meiner Umgebung kannte, wie oft habe ich sie verkannt und dabei nicht gesehen, dass hier Platz für viele ist?

Innere Werte

Wie sollte ich nach den Sternen greifen, wenn ich aus meinem Fenster nur die nächste Platte sah? Ich musste raus, weg, hab meine Sachen so früh gepackt, wie ich nur konnte. Hauptsache endlich frei sein! Der Rest war egal. Dass das Wohnheim am Studienort reiner Sichtbeton war? Egal – Freiheit und ein Zuhause, das den Namen wert war, zählte mehr, als die äußere Hülle. Hier begann ich langsam zu begreifen, dass Beton von Innen nur kalt ist, wenn dein Herz vor Heimweh stirbt. Zu Hause kann überall sein, wo du dich richtig fühlst – völlig unabhängig davon, wie es dort aussehen mag.

Das alte FH-Gebäude im Herzen Potsdams

Ich denke, das ist ein Aspekt von vielen, warum es so weh tat, den Abriss des ostmodernen Gebäudes in Potsdams Mitte zuzusehen. Es war ein riesiger Block. Nicht barock, nicht verträumt sondern ziemlich wuchtig. Die Fassade gelb. Aber nicht so gelb, wie Schloss Sanssouci. Eher so gelb, wie die Soße von süß-sauren Eiern. Oder Kartoffelbrei. Es gab keine schmückenden Schnörkel. Aber Sterne, die irgendwie leicht wirkten, an diesem gelben Monolithen.

Für diesen Beitrag durchforstete ich meine Fotos. Ich stellte fest, dass ich die Sterne an der alten Fassade nie fotografiert habe. Aber es gibt noch ein Bild von ihnen! Am Brandenburger Tor, auf Höfers Spiehluhr seht ihr sie. Darüber Vögel und Wolken und gut zu erkennen: die Sterne in der Mitte!

Das alte Schloss, das holte man zurück. Den Palast auch. Aber so ein Klotz, neben all der strahlenden Schönheit? Im Gegensatz zum Barock war die Ostmoderne “nur ‘ne Phase”, unpraktisch, hässlich und die alten Sichtachsen versperrte sie auch. Also weg. Wirklich weg?

Ein Abriss, der spaltet

Ich ging oft vorbei an der Abrisskulisse. Beobachtete, wie sich die Bagger durch den Beton fraßen und beobachtete die Menschen, die gefesselt schienen. Manche kamen extra. Um nochmal Abschied zu nehmen. Manche wollten keinen Abschied nehmen. Sie wollten, dass das Gebäude bleibt und kämpften auch dafür – nicht ohne Sympatie der Zuschauer*innen. Zu ihrem Symbol wurden die Sterne der alten Fassade. Fahnen, Aufkleber auf Laternen, Plakate – die Sterne wurden von der Deko zum Symbol der Gegenbewegung.

Trotz der Proteste fiel das alte Gebäude und mit ihm verschwanden auch die Fassaden-Sterne. Na gut, dachte ich. Na gut. Aber Potsdam, wo willst du hin? Du bist doch schon schön, wie du bist. Halt doch mal an, guck doch mal, wie toll deine Kontraste sind. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wurde mir bewusst, wie falsch das alles ist: sie rissen den Bau ab. Aber Gegenüber steht, ganz frisch saniert, ein nicht weniger klotzartiger Bau. Nur mit mehr Glas. Und wie Pilze sprießen graue Blöcke aus dem Boden, im Bornstedter Feld.

Sterne der Fachhochschule kehren als Symbol zurück

Im Herbst 2018 klaffte dann also ein Loch. In der Mitte, die ihre Mitte noch nicht so richtig gefunden hat. Doch plötzlich tauchten wieder Sterne auf. Vor der Deponie gerettet. Eingerahmt. Hier und da. Kunstwerke an und in neun Häusern, in denen man nicht residiert, sondern lebt.

Leben Potsdam, leben! Ist das Wegwerfen und der Konsum so sehr ein Teil von uns geworden, dass auch du nicht mehr ausbrechen kannst? Es gibt Menschen, die etwas bewegen wollen – und wenn es nur ein Aufkeimen der Hoffnung ist, eine Utopie. Menschen, die sich sagen: Hey Potsdam, merkst du eigentlich noch was? Die Sterne, sie sind ihr Symbol. Für Leben und Freiheit. Für das, was Beton auch sein kann: Zuhause, Heimat. Keine Illusionen von Schönheit, sondern das, was uns im Innersten zusammenhält. Ein Ort, wo jede*r einen Platz finden kann. Egal, was die Fassade sagt.

Es sind also viele Dinge, die den Abriss des alten Gebäudes und mit ihm den Sternen, ihre Symbolkraft verleihen. Menschen passen nicht mehr in die Stadt, weil der Wohnraum zu teuer ist. Wer nicht mit rennt, bleibt liegen. Exklusive Eigentumswohnungen sind omnipräsent – aber wäre es nicht schöner, wenn wir mehr Inklusion hätten?

Es ist an dir

Es ist kalt. Aber es gibt Sterne.- Ende September 2018 wurden sie bei einer Sternfahrt in Potsdam verteilt. Folge ihrer Spur. Anfangs wollte ich sie nur fotografieren, fand sie so schön. Aber sie haben etwas mit mir gemacht. Ich habe mit vielen Menschen darüber geredet. Und es ist so: Eine Stadt, das sind nicht nur
Strukturen, Straßen, Mietshäuser und Plätze. Es sind vor allem die Menschen, die darin gemeinsam leben, sich helfen, füreinander einstehen. Sie wärmen den Beton. Und es ist egal, wie er aussieht.

Wo sind die Sterne der Fachhochschule? Eine (unvollständige?) Liste

Wer auch Sterne sehen möchte, hier ist meine Liste. Es kommen vielleicht noch Sterne hinzu. Vielleicht werden einige auch wieder verschwinden? Ich hoffe nicht.

  • in der Pasteurstraße
  • in der Tuchmacherstraße
  • Hermann-Elflein-Straße, Ecke Gutenbergstraße
  • an der La Datscha
  • im Treffpunkt Freizeit
  • im Freiland (Haus 1)
  • in der Zepplinstraße

Hallo, ich bin Nadine und lebe in Potsdam. Fotografieren ist eine meiner liebsten Beschäftigungen. Irgendwie finde ich immer eine Möglichkeit, kreativ zu sein. Das ist für mich das Salz in der Suppe :)